Die natürliche Schiefe

Die natürliche Schiefe und somit die Händigkeit der Pferde sind heute in aller Munde. Doch leider werden diese Elemente oftmals nur oberflächlich und nicht in ihrer ganzen Dimension erfasst. Folglich werden Bewegungsprobleme und Fehlstellungen wie zum Beispiel der Hüftschiefstand nur ungenügend in Bezug auf die Händigkeit des betroffenen Pferdes beurteilt. Wird der Händigkeit beim Training des Reitpferdes nicht ganze Aufmerksamkeit geschenkt, wird dies unweigerlich zu gesundheitlichen Problemen führen.

Händigkeit

Erklärungsversuchen zu diesem Thema mangelt es oft an Logik, was Pferdebesitzer verwirrt. Die Aussage, dass es wie beim Menschen Rechts- oder Linkshänder gibt, ist zwar nicht falsch, aber eine solche Äußerung ist zu kurz gesprungen als Antwort auf die sehr klare Frage, was es mit der Händigkeit eigentlich genau auf sich hat.

Von Menschen und Pferden
Bezogen auf die Händigkeit besteht der große Unterschied zwischen Mensch und Pferd in der Haltung des Körpers: Der Mensch ist senkrecht, also ruht und lastet sein Oberkörper auf seiner Hüfte, der «Hinterhand», wodurch bestimmte Fehlstellungen entstehen können, z. B. der Hüftschiefstand.

Das Pferd dagegen bewegt sich in der Waagrechten. Es lastest also nicht auf seiner Hüfte, sondern läuft vielmehr mit seinem Oberkörper von der Hüfte weg. Das kann also keinen Hüftschiefstand erzeugen! Sollte man beim Pferd dennoch den Eindruck einer schiefen Hüftstellung haben, so muss die Ursache dafür eine andere sein: Der Hüftschiefstand ist in den Reaktionen des Pferdes auf eben dieses Weglaufen des Oberkörpers von der Hinterhand zu suchen. Um dies besser zu verstehen, brauchen wir weitere Erklärungen.

Sattelmessung
Diese Zeichnung entstand bei einer Sattelmessung. Die Linie ganz unten ist die seitliche Oberlinie vom Pferd. Bei den oberen 3 Linien hat man den Blickwinkel, als würde man von hinten oben auf das Pferd sehen. Die durchgezogenen Linien sind der Ist-Zustand und die links gestrichelten Linien wären der Ideal-Zustand. Das heißt: Links fehlen dem Pferd viele Muskeln und durch so eine Skizze wird einem erst wirklich bewusst, wie stark die natürliche Schiefe beim Pferd ausgeprägt ist und wie intensiv man an der Geraderichtung arbeiten muss.

Die natürliche Schiefe des Pferdes

Fest steht, dass die Händigkeit die natürliche Schiefe des Pferdes eindeutig verschärft.

Jedes Pferd ist von Natur aus schief und beugt sich deshalb einfacher zur einen und mühsamer zur anderen Seite. Das Pferd hat eine konvexe (lange, dehnbare, schwache Muskeln) und eine konkave (kurze, steife, starke Muskeln) Seite und läuft mit den Vorderbeinen nicht korrekt vor den Hinterbeinen. Wenn ein nicht gerade gerichtetes Pferd entlang der
Bande geritten wird, zeigt sich dieser Effekt noch deutlicher, da zudem die Schultern des Pferdes schmaler sind als seine Hüften. Das eine Hinterbein ist oft mehr schiebend und das andere mehr tragend. Da Pferde in der Biomechanik des Fluchttiers keinen Kreis gehen können, eben weil der Oberkörper von der Hinterhand wegläuft, fehlt ihnen die Stütze der Hinterhand. Somit verschiebt sich das Pferd im Kreisbogen automatisch in die händige Vorhand. So verstärkt sich die Händigkeit immer mehr und die Schiefe wird ständig erhöht. Folgen wie Taktunreinheiten oder Lahmheiten treten zutage, aber man findet die Ursache nicht.

Rechts und Links gebogenes Pferd

Probleme:

  • ungleiche Anlehnung, keine Durchlässigkeit, hält das Gebiss fest, legt sich auf den Zügel oder geht gegen die Hand
  • verwirft sich im Genick, schlägt mit dem Kopf, knirscht mit den Zähnen, will oder kann den Hals nicht strecken
  • springt verkehrt im Galopp an, Außengalopp oder Kreuz-Galopp
  • Taktfehler, Passgang oder hat unregelmäßige Gänge
  • beherrscht eine Übung nur auf der einen Hand, auf der anderen nicht
  • belastet im Stand die 4 Hufe ungleichmäßig
  • kann nicht gerade Rückwärts gehen
  • unaufmerksam, übereilt oder unruhig
  • im Trab kann man nicht aussitzen
  • hat wenig Schulterfreiheit
  • bockt, steigt oder geht gegen die Hilfen

Je höher das Potential des Pferdes, je schneller der Schaden. Da hilft kein verstärkter Einsatz des äußeren Zügels und/oder Schenkels, denn die negative diagonale Verschiebung ist bereits im händigen Vorderbein, sprich Huf, gelandet und der Schaden nimmt seinen Lauf.

Jetzt rückt das Geraderichten in den Vordergrund, denn nur dadurch kann man Schaden vom Pferd abwenden.

Geraderichtende Biegungsarbeit

Um diesen Folgen und Symptomen vorzubeugen, wird das Pferd gerade gerichtet. Das Geraderichten besteht aus Übungen die das Pferd auf beiden Seiten gleich biegsam und dehnbar machen.

Geraderichtende Biegungsarbeit besteht aus den Übungen:

  • Übergänge
  • Handwechsel
  • Zirkel reiten
  • Schlangenlinien
  • Schulter vor
  • Schulterherein
  • Kruppeherein (Travers)
  • Renvers
  • Traversale

Die Übungen Schulterherein und Kruppeherein sind die Eckpfeiler des Geraderichtens. Beide Übungen verlangen eine korrekte Längsbiegung, wodurch das innere oder äußere Hinterbein unter den Schwerpunkt tritt, um so das Gewicht zu tragen.

Achtung: Nur wenn das Pferd über genügend Schub- und Tragkraft verfügt, können diese Übungen sinnvoll sein. Viele Freizeitpferde können Seitengänge nicht in vollem Ausmaß ausführen, weil sie nicht genügend Kraft haben und „schummeln“ sich raus. Somit verlieren die Übungen aber ihre Wirksamkeit.

Von natürlicher Schiefe zum geradegerichteten Pferd

Ein geradegerichtetes Pferd kann:

  • seinen Körper gleich nach links und rechts biegen
  • alle Übungen auf der linken aund rechten Hand gleicht gut ausführen
  • mit beiden Hinterbeinen gleich gut Last aufnehmen

Das Ziel ist die optimale Entwicklung der Tragkraft der Hinterhand, sodass die Vorderbeine entlastet werden und der Reiter gut getragen werden kann. Letztendlich muss das Pferd lernen 3/5 seines Gewichts mit der Hinterhand tragen, um zum reiterlichen Gleichgewicht zu finden.

 

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